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Ihre Heimat in 10 Jahren

(Beitrag im pdf-Format)

 

Man mag es als verfrüht empfinden. Aber, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

 Im Jahr 2025 hat Loréal sein Auslieferungslager auf Knielingen-West errichtet und die Nordtangente ist nun deren Zufahrtsstraße. Pendler haben den neuen Weg gut angenommen. Genau so, wie der überregionale Verkehr in Richtung Osten. Die restlichen mit Ackerflächen besetzten Böden nördlich der Tangente sind für die Knielinger nicht mehr direkt zugänglich. Der erholsame Weg am Rande des ehemaligen Übungsgeländes der Army liegt nun unter der Tangente. Der Rest des 2016 noch verwilderten Waldes, zu dem sich die umzäunte Fläche entwickelt hatte, ist nun ein Park, ziemlich lärmbelastet, unökologisch, nicht mehr schutzwürdig.

 Die Ruhe der Bewohner der Jakob-Dörr-Straße wird nun vom Straßenlärm gestört. Der Schadstoffausstoß der KFZ  auf der Nordtangente hat der bereits von OMW und Stora-Enso belasteten Luft zusätzliche Partikel aufgebürdet. 40.000 KFZ wurden 2025 pro Tag gezählt. Nichts von dem was den Knielingern 2015 einmal besonders am Herzen lag – Entlastung vom Verkehr, bessere Luft - wurde erreicht. Die Lage hat sich verschlechtert. Eine pessimistische Prognose? Nicht unwahrscheinlich.

 Im Übrigen wurde den Landwirten die Bewirtschaftung von Böden entzogen, deren Leistungsfähigkeit von Gutachtern mit Spitzenwerten belegt wurde. Für manchen stellt sich die Frage, ob sie auf dem verbliebenen Land noch gegen die wachsende Konkurrenz der Großbetriebe antreten können. Eine weitere Folge der gewerblichen Nutzung wird eintreten, wenn das Gelände zum Schutz gegen Hochwasser aufgeschüttet werden muss.

 Nehmen wir sie ernst, die zukunftsweisende Empfehlungen für Knielingen West, die in den 90iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von Fachleuten in der „Belastungsstudie für den Raum Karlsruhe“ gegeben worden sind. Einer Studie , deren Aufgabe es war, die Siedlungsentwicklung auf ihre ökologische Verträglichkeit zu prüfen.

 Das Kapitel „D Grundzüge des freiräumlichen Leitbildes“ enthält eine die Knielinger Rheinniederung entscheidend treffende Empfehlung:

 „Die heute überwiegend landwirtschaftlich genutzten Restflächen der Knielinger Rheinniederung sind das naturräumliche Bindeglied zwischen der Neureuter Rheinniederung im Norden und dem Knielinger See und der Burgau im Süden. Die im Flächennutzungsplan vorgesehene Nutzung als Gewerbeflächen sollte nicht realisiert und darüber hinaus die Raffinerienutzung nordwestliche des Klärwerkes soweit zurückgedrängt werden, dass ein 300-400 Meter breiter Korridor als Übergang zur Neureuter Rheinniederung gebildet werden kann. Während für die stadträumliche Gliederungsfunktion und für die Erholungsfunktion die Freihaltung unverzichtbar ist, wären die Biotop- und Bodenfunktion durch die geplante Inanspruchnahme zumindest stark beeinträchtigt.“ 

 Entsprechend anschaulich wird die „Potentielle Erholungseignung“ in der dem Gutachten beigefügten Skala von/bis „sehr hoch - hoch - deutlich - feststellbar -   nicht feststellbar - nicht vorhanden“ mit „deutlich“ weit oben angesiedelt.

 Die Studie aus den 90iger Jahren wurde 2011 durch die sogenannte „Ökologische Tragfähigkeitsstudie für dem Raum Karlsruhe“ ersetzt. Die TFS ist vorrangig als umweltbezogenes Abwägungsmaterial im Rahmen der vorbereitenden Bauleitplanung konzipiert. Sie setzt für das Anliegen „Schutzgut Freiraum/Erholung“, eine Skala von nur noch 4 Stufen an. Und bewertet den betrachteten Raum nun zu einer Hälfte, die nördlich eines deutlich sichtbaren Verlaufs (die Nordtangente?) markiert ist, von „gering“ bis „mäßig“. D.h. innerhalb von 20 Jahren hat das Gebiet hinsichtlich der Bewertung als Erholungsraum eine deutliche Abwertung erfahren. Reale Umsetzungsvorschläge enthält die TFS nicht. Im Detail betrachtet gibt es noch andere Ungereimtheiten.

 Es sei festgehalten: In den 90iger Jahren des 20. Jahrhunderts haben die Gutachter noch Empfehlungen der vorab zitierten Art vorgebracht. 20 Jahre später dagegen übernehmen die Gutachter die ihr vorliegenden Pläne/Beschlüsse/Bewertungen über die Flächen unserer Stadt in ihre Öko-Studie mit der Empfehlung, sie u.a. „Neuen umweltpolitischen Fragestellungen bzw. Vorgaben der Gesellschaft“ anzupassen. (Siehe hierzu den hiesigen Beitrag zum Thema ökologische Tragfähigkeitsstudie.)

 Das wäre ein vertretbarer Ansatz, wenn die Papiere von Bürgern verfasst  worden wären, die mehrheitlich ein ausreichendes „Bewusstsein für die biologisch Vielfalt“ mitbringen würden. Diese Zuwendung konnte 2009 laut Indikatorenspiegel von 2010 nur 22 % der Bevölkerung zugeordnet werden. D.h. den Plänen/Beschlüssen/Bewertungen liegt eine die Natur nachrangig beurteilende Einstellung der Bürger zu Grunde. Von der Richtigkeit dieser Einschätzung kann der Besuch einer Gemeinderatssitzung überzeugen, in der Beschlüsse über neue Flächennutzungen nach wie vor ausschließlich mit den bewährten Wachstumsargumenten begründet werden. Ökologische Argumente tragen nach wie vor die einschlägigen Parteien – also die Minderheiten - vor.

 Die Knielinger hatten 2015 die Gelegenheit, einen Wunschkatalog für ihren Stadtteil zu formulieren. Daraus entnehme ich ein paar Daten, besonders in denen die zweite Rheinbrücke zur Bewertung anstand, an die sich die Nordtangente anschließen wird.  Schauen Sie sich zunächst diese Tabellen an:

 

1.12  Verbesserung der Lebensqualität (374 Teilnehmer)

2.1    Verkehrssituation allgemein ((486 Teilnehmer)

3.9    Sonstige Maßnahmen (83 Teilnehmer)

8.6    Art des „eigenen“ Beitrages (71 Teilnehmer)

 Die Spitzenpositionen nehmen unter 1.12 Verkehrsberuhigung, Lärmschutz und bessere Luftqualität ein. Mit der Verkehrssituation sind mehr als doppelt so viele Knielinger unzufrieden, wie in ganz Karlsruhe. 3.9 „Sonstige Maßnahmen“ enthält Schwerpunktfragen, die in der Spitze genau so beantwortet werden wie unter 1.12.  Und wenn es konkret wird, also nach einem eigenen Beitrag gefragt wird, sinkt die Teilnehmerzahl auf ein Sechstel.  

 Demnach ist der Verkehr das Thema in Knielingen. Und mancher hofft, dass zur Lösung dieses Problems die zweite Rheinbrücke beiträgt. Wobei offen bleibt, wo sie gebaut wird und wie die Brücke an die Verkehrssysteme auf badischer Seite angeschlossen wird. Dazu sollten sich die Bewohner konkret Gedanken machen.

 Wir sprechen uns für eine Ersatzbrücke am Standort der alten aus. Und finden uns damit auf der Seite der Stadt Karlsruhe (siehe BNN vom 22.01.2016). Wir werden angestoßen  von den neuesten Berichten über den dramatischen Verfall der Artenvielfalt, der einhergeht mit dem dramatischen Verlust an Allgemeinwissen über dieses Thema. Der Bericht „Die (un-)heimliche Artenerosion“ von 2015 liefert eindeutige Daten.

 Noch ein aus Sicht des Naturschutzes positiver aber doch sehr gewagter Blick in die Zukunft: Im Jahr 2025 ist der Mehrheit der Bürger die Verantwortung für die biologische Vielfalt bewusst geworden. Loréal hat sich entschlossen, ihre hochwertigen Produkte nicht vom Standort Knielingen West aus zu betreiben. Die Stadt Karlsruhe hatte sich ebenso wie der Bundesrechnungshof mit ihrer Ansicht durchgesetzt, dass eine zweite Brücke weder wirtschaftlich noch nötig sei. Die Naturschutzverbände waren voll dabei. Die alte Brücke wurde saniert.

 Nun besannen sich die Bürger. Ihnen wurde bewusst, dass Knielingen West lt. LFU potentiell auch für eine natürliche Vegetation zur Verfügung steht. Sie überzeugten die Stadt von der Notwendigkeit ökologischer Handlungen. Die  Stadt nimmt daraufhin als Trittsteine für die Ausbreitung der Arten wichtige Flächen aus der Ackernutzung heraus und besetzt sie mit hochstämmigen Obstbäumen. Ihre Güter verpachtet sie nur noch unter der Zertifizierung von Naturland. Das ehemalige Army-Übungsgelände wird 2030 unter Naturschutz gestellt werden. Es steht den Knielingern ebenso wie das ökologisch aufgewertete Land vor den Raffinerien als Erholungsraum zur Verfügung.

Eine Übertreibung? Übertrieben wäre die Prognose  erst, wenn gleichzeitig erwartet würde, dass 2025 nur noch 50.000 KFZ die alte, die einzige Rheinbrücke überqueren und die Raffinerien ihre Kapazitäten zurückführen mussten.

 Als Schlusssatz sei die Bände sprechende Abwertung des heute eingezäunten Army-Übungsgeländes von 1995 bis 2011 darzulegen. Einst wurde das Gelände in einer 6 wertigen Skala als „Biotoptyp mit größter Bedeutung für den Arten- und Biotopschutz“ mit dem Spitzenwert 6 belegt. 16 Jahre später kommt bei einer 5 wertigen Skala nur noch eine 3 gleich „hoch“ heraus, obwohl sich an dem Biotop nichts geändert hat. Der Grund könnte darin liegen, dass die Fläche nicht in einem Natura 2000 Gebiet liegt und nicht unter Naturschutz steht. Und darin, dass die Gutachter der TFS sich nicht vor Ort informiert haben.

 

Anlagen:

Karlsruhe im Westen im Jahr 2026 (Bilder)

Umfrageergebnisse für Knielingen im Themenfeld Wohnen, Luftqualität usw.

Indikatorenspiegel 2010

Die (un-)heimliche Artenerosion von Stephan Börnecke 

Belastungsgrenzen des Raumes Karlsruhe „D Grundzüge des freiräumlichen Leitbildes“ 1995

Ökologische Tragfähigkeitsstudie des Raumes Karlsruhe 2011

Bewertung der Tragfähigkeitsstudie

Potentiell natürliche Vegetation LFU

BNN 22.01.2015 Seite 10

 

 

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 Karlsruhe, Januar 2016

max.albert@mail.de

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Max Albert, NABU Gruppe Karlsruhe  | max.albert@mail.de