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Die junge Stadt am alten Rhein

(Beitrag im pdf-Format)

 

Es ist ein paar Jahre her. Da rief die Stadt die Bürger zu einer Zukunftskonferenz. Wir nahmen mit Freuden teil. Schien es doch, als ob wir die Entwicklung der Stadt mit gestalten könnten. Wir waren dort engagiert, wo wir uns auskennen: Am westlichen Rand der Stadt, also am Rhein.

Die Konferenz wurde am 27./28. 1. 2006 unter dem Titel „Innovation und Lebensqualität“ dokumentiert. Die einzelnen Handlungsfelder wurden nach den am höchsten bewerteten Leitideen, Zielen und Projektideen in sich geordnet. Ein Handlungsfeld war die „Stadt am Rhein“. Als vorrangiges Ziel hatten die Bürger die „Bewahrung der Natur“ bestimmt. Und dafür die Umsetzung eines Wege- und Pflegekonzeptes sowie den Erhalt des Ökosystems Knielinger See als vorrangig beschriftet.

Aus der Zukunftskonferenz wurde der Masterplan 2015 entwickelt, dessen Entwurf die Stadt am 29.6.2006 präsentierte. Da waren die Ergebnisse der Zukunftskonferenz einer fachlichen Bewertung unterzogen worden. Für das Handlungsfeld „Stadt am Rhein“ war nun keine Rede mehr von dem Feld, dass die Bürger am höchsten bewertet hatten, die „Bewahrung der Natur“.  

Nun stand da an vorderster Stelle „Ziel ist es, den Fluss „r(h)ein in die Köpfe“ der Karlsruher und Karlsruherinnen zu bringen und den Rhein und das Leben in einer Stadt am Rhein als Imagefaktor zu nutzen.“ Von einem Wege- und Pflegekonzept war nun nachrangig die Rede.

Das RP hat erst in diesem Jahr, also 9 Jahre nach der Präsentation des Masterplans, ein Fachbüro mit der Entwicklung eines Wege- und Pflegekonzeptes beauftragt. Die Baumaßnahmen zur Sanierung des Knielinger Sees wurden dieses Jahr mit Fertigstellung der Federbachverlegung und der Frischwassereinleitung vom Hafen her abgeschlossen. In einer Bauzeit von knapp zwei Jahren.  

So differenziert lässt sich nicht jeder Prozess der vergangenen 200 Jahre nachvollziehen. Um den Westen der Stadt zu verstehen, bedarf es jedoch eines kurzen Rückblickes. Schon allein, um darzustellen, dass Karlsruhe keine Gründung am Ufer des Rheins gewesen ist. In diese als so wertvoll empfundene Lage kam sie erst durch die Eingemeindungen von Daxlanden 1910, Knielingen 1935 und Neureut 1975. Das sind Orte mit einer teils über tausendjährigen Geschichte: Knielingen erreichte 1986 ein Alter von 1200 Jahren, Daxlanden kann so wie Neureut auf mehr als 700 Jahre zurückblicken. Das waren Gründungen am Rhein auf fruchtbaren Böden und nicht mehr nachzuvollziehendem Reichtum an Fisch und Vogel. Heute leben die Gemeinden als Teil der Stadt getrennt von ihrer angestammten Ortsgeschichte durch den Rheinhafen, die Raffinerien, die Papierfabrik und den Stromriesen.

15 Millionen Jahre soll der Rhein nach den Befunden Senckenbacher Wissenschaftler alt sein. 2012 wurde das bis dahin auf 10 Millionen Jahre geschätzte Alter aufgrund der nahe bei Sprendlingen aufgefundenen Zähne und Knochen verschiedener Hirscharten und fossiler Pflanzenreste deutlich in die Vergangenheit verschoben. In diesem unvorstellbar langen Zeitraum hat der Rhein die noch ältere oberrheinische Tiefebene mit Sedimente bis zur heutigen Höhe aufgefüllt. Heute wird das Geröll, wo es stört, ausgebaggert und abtransportiert.

Wir nehmen uns heraus, die letzten 200 Jahre punktuell zu betrachten, soweit sie den Fluss und seine Auen an den heutigen Grenzen der Stadt Karlsruhe beeinflusst haben. Es beginnt, wie nicht anders zu erwarten, mit der „Rektifikation des Rheins“. Eine Flussregulierung, die Tulla selbst in einer ausführlichen Schrift  im Jahr 1822 begründet hat.

Das Werk wurde 1817 mit dem Knielinger Durchstich eingeleitet. Es ist bekannt, dass die Knielinger damit nicht einverstanden waren. Sie vertrieben die für die Waldrodung eingesetzten Eggensteiner Bürger aus den Auen der Gemeinde. Eine Infantrieabteilung der Regierung machte dem ein Ende. 70 Jahre später war das Werk des Obersten Tulla abgeschlossen. Der Rhein war bis Bingen begradigt.

Tulla hatte dem Rhein wohlüberlegt, angesichts der Hochwasser, eine großzügig bemessene Überschwemmungsaue zugemessen. Der „Tulladamm“ verläuft in der Burgau östlich des Knielinger Sees, bis zu 1,5 km vom Ufer des Rheins entfernt. Direkt am Ufer des Flusses steht heute der Rheinhauptdamm, der die Rheinniederung in die hier sehr knappe Überflutungsaue und die Altaue trennt. Der Damm wurde 1934/35 erstellt. Bis dahin war das Gebiet, das heute der Knielinger See einnimmt, regelmäßig überflutet.

Die neu gewonnene hochwassergeschützte Aue wurde gerade auf Karlsruher Gemarkung fleißig genutzt. Die ersten Blöcke des Kraftwerkes der EnBW wurden in den 1950er Jahren errichtet. Die Raffinerien gingen 1962 in Betrieb. Der Ölhafen wurde am 24.04.1963 eröffnet. Der Rheinhafen wurde 1901 eingeweiht und der heutige Yachthafen entstand 1864 als der Rheinhafen für Karlsruhe. Das älteste Gewerbe ist die Papierfabrik. Der seit 1997 von StoraEnzo geführte Betrieb, baut auf Vorläufern auf, die 1886 den Grundstein legten..1938 entstand die Eisenbahnlinie, auf der heute auch die Straßenbahnen über die Rheinbrücke nach Wörth unterwegs sind. Über die Brücken bei Maxau gibt es unter Wikipedia einen spannenden Artikel.

Mit den Raffinerien barg die ehemalige Überschwemmungsaue einen Schatz an Investitionen, der keinem Risiko mehr ausgesetzt werden konnte. Dazu kam die fortgeschrittene Ausdehnung der Ortschaften vom Rande des Hochgestades hinunter in die Rheinniederung. Das Risiko besteht in der Überflutung des Rheinhauptdammes  bei einem extremen Hochwasser. Mit 8,57 m am Pegel Maxau im Jahre 2013 wurde der Hochwasserschutz deutlich herausgefordert.

Davor schon, nämlich 1996, wurde das integrierte Rheinprogramm ins Leben gerufen. 13 Polder, darunter zwei angedachte Dammrückverlegungen waren für Baden-Württemberg vorgesehen. Sie sollen mit dazu beitragen, den Hochwässern die Spitzen abzubrechen. Auf Karlsruher Gemarkung wird demnächst ein Polder namens „Bellenkopf/Rappenwört“ mit ökologischen Flutungen, also keine Dammrückverlegung, auf einer Fläche von 510 ha mit einem Rückhaltevolumen von 14 Millionen m³ eingerichtet. Wegen des Gefälles dieses Raumes auf einer Länge von 3,5 km müssen zwei Polder mit jeweiligen Ein- und Auslassbauwerken errichtet werden. Am östlichen Rand des Polders laufen die Vorbereitungen für ein Wasserwerk, das bei einer jährlichen Fördermenge von 7,4 Millionen m³ langfristig das Wasserwerk im Durlacher Wald ersetzen soll.  

Und damit soll der Eingriff in die Rheinauen auf der Gemarkung der Stadt nicht abgeschlossen sein. Die Nordtangente, heftigst diskutiert, wird wohl nicht zu vermeiden sein. Nach deren Verwirklichung umschließt Knielingen ein Ring von Bundesstraßen. Knielingen-West fällt für die Erholung und für die Landwirtschaft weitgehend aus. Der Lärmteppich wird in die Randzonen des Ortes eindringen. Der Westen verliert weiter an Erholungswert.

So hat sich das Gebiet am westlichen Rand der Stadt entwickelt. Der Stadtteil, der nun mit dem Slogan „(rhein) in die Köpfe“ beworben wird, ohne dass die weiträumige Auenlandschaft, deren Wälder, das Wasser des Rheins für die Erholung zur Verfügung stehen. Nicht umsonst blieben die Besucher parallel zu der Industrialisierung nach und nach fast ganz aus. Da konnte selbst der nun schnakenfrei gespritzte Auwaldrest nicht genug verlocken. Der schrumpfte auf Karlsruher Gemarkung durch den Bau der Raffinerien auf einer Fläche von 400 Hektar und dem Knielinger See mit 88 Hektar gewaltig zusammen. Die Auskiesung des Knielinger Sees begann im Übrigen im Oktober 1957 und endete 30 Jahre danach. Wie schon beschrieben, verfiel während dieser Jahre die Wasserqualität bis zum Sanierungsfall. Da waren dann die Träume von weißblinkenden Segeln auf glitzerndem See ausgeträumt. 1989 wurde der See zum Kern des Naturschutzgebietes „Burgau“, das nur auf vorgegebenen Wegen begangen werden darf.

Noch nach 1945, als man im Rhein baden und der Gast auf langen Uferstecken den Tag auf dem „Debbich“ verbringen konnte, war der Rhein eine Attraktion. Im Rheinstrandbad Rappenwört, 1929 eröffnet, war bis in die 50er Jahre der das Bad beherrschende Altrheinarm noch für Badegäste geöffnet. Es verblieb, als landschaftliches Glanzstück, die unverbaute Sicht auf den großen Fluss.  

Von 1859 bis 1937 war das Rheinbad in der Nähe des Hofgutes Maxau der Anziehungspunkt am Ufer des Rheins. Aber dazu soll Ludwig Stumpf aus seiner Schrift „Die Maxau, ihre Entstehung, ihre Brücken, ihre Geschichte“ zu Wort kommen:

„Ein schöner Wirtsgarten, mit Linden-, Ulmen-, Ahorn- und Pappelbäumen bepflanzt, schloß sich südlich an den Gasthof an; ein Rheinbad gehörte dazu. Nach ihm wurde die Gastwirtschaft „Zum Rheinbad“ genannt. Das Bad mit seinen 12 Kabinenabteilen ruhte auf einem Holzfloß, das im Rheinstrom vor dem Gasthofgarten vor Anker lag. Es mußte jeweils im Frühjahr auf- und im Spätjähr nach Beendigung der Badezeit abgeschlagen werden. Diese Arbeit wurde von seinem Erbauer, einem Zimmermeister aus Karlsruhe, alljährlich ausgeführt. Gasthof und Rheinbad waren zusammen verpachtet.“

oder

„Nachdem das Rheinwasser nach dem letzten Krieg immer schmutziger und die Lust zum Freibaden im Strom geringer wurde, blieb das Wochenendgeschäft für den Gasthof gegenüber früher immer geringer. Dazu kam, daß durch die Motorisierung der Massen fernere Ausflugsziele angesteuert wurden.“

Damals, auch noch bis in die 1950er Jahre hinein, lag Karlsruhe wirklich am Rhein. Nun bietet das Ufer des Rheins hier als wiederbelebtes Angebot das Hofgut Maxau mit Bauernhof, Gaststätte und Spielplatz.

Das was fehlt wird der Gast nur annehmen können, wenn er die Opfer am Rhein dem Erhalt des derzeitigen Wohlstandes beiordnet und sich mit dem was draußen verblieb, zufrieden gibt. Kann er darüber hinaus noch anerkennen, dass mit dem Verschwinden der Auwälder und Altrheinarme auch die natürlichen Werte stark beeinträchtigt worden sind? Er findet vor Ort eine Anzahl von Beschränkungen für den Erhalt der Natur, die er nicht beachten musste, solange der Reichtum der Auwälder durch Bewegungen der Besucher nicht beeinträchtigt werden konnte.  

Es stellt sich eine ganz prekäre Frage: Haben wir die Grenze für ein verträgliches Nebeneinander von Kultur und Natur erreicht? Auf der Karlsruher Gemarkung ganz bestimmt! Es wäre Aufgabe des Ortsblattes gewesen, dieses Dilemma aufzuzeigen. Statt dessen, Schönrederei und journalistische Winkelzüge.

Tu ich ihr Unrecht, der BNN? Denkbar wäre, dass sich hinter den Aufsätzen aus der Reihe „Grenzpunkte“ ein Auftrag verbirgt, der mit dem Satz umschrieben sei: „Mehr an Natur haben wir nicht, seit glücklich mit dem, was ihr vorfindet.“ Ständig wiederholt und ständig wieder angenommen, segeln wir zufrieden in die Umweltkatastrophe, unter der nicht allein der Artenschwund sondern auch die Klimaveränderungen abzulegen sind. Glücklich bis zum Schluss? Was Schöneres kann man sich nicht vorstellen.

 

Anlagen:

BNN, Blatt 19 vom 26.08.2015

BNN, Blatt 22 vom 04.09.2015

BNN, Blatt 20 vom 09.09.2015

 

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Karlsruhe, September 2015

max.albert@mail.de

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Max Albert, NABU Gruppe Karlsruhe  | max.albert@mail.de